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Veränderung ist am Anfang schwer, in der Mitte

chaotisch und am Ende wunderschön.

Geburtsbericht Nr.4

Trigger

4 Jahre später keimte wieder der Wunsch nach einem Baby auf. Sollten wir es echt noch einmal riskieren? Nach allem was passiert war? Wir versuchten es ca ein halbes Jahr lang, bis ich sagte: wenn ich morgen meine Regel bekomme, dann lassen wir es. Am nächsten Tag war der Test positiv.

Diese Schwangerschaft war von Anfang an besonders. Einige von euch haben mich damals schon begleitet und können sich etwas daran erinnern.

Ich habe allerdings nie wirklich von der Geburt berichtet, ich brauchte scheinbar Jahre um diese zu verarbeiten. Das was an diesem Tag passiert ist, wünsche ich niemanden.

Ich wollte aber auch keine Schwangere verunsichern (damals gab es „Trigger“ noch nicht), ich hätte mir nie verziehen einer werdenden Mama so dermaßen Angst zu machen.

Heute weiß ich, dass – egal was passiert – es einen tiefen Sinn dahinter gibt.

Alles was in meiner Vergangenheit passiert ist, hat mich zu mir geführt. Und dafür bin ich dankbar.

Als ich damals also zum 4. mal schwanger wurde, wußte ich:

Ich will einen Kaiserschnitt

Bis auf meine Frauenärztin rieten mir aber alle “Profis” ab. Man sagte mir:

Sie haben ja schon 3 Kinder spontan geboren, was soll das denn jetzt? Ihr Körper kann das. Lassen Sie das mal sein.

Klar kann er das, aber ich wollte einen Kaiserschnitt.

Und trotzdem: ich habe mich überreden lassen spontan zu entbinden.

Freitag

Baby Nr.4 wurde am Sonntag geboren.

Zuhause hatte ich am Freitag Mittag wohl einen hohen Fruchtblasenriss, da ich aber keine Ahnung hatte (mir wurden die Fruchtblasen immer erst während den Entbindungen gesprengt) dachte ich an einen Blasensprung, obwohl die Menge so minimal war, dass nicht mal die Frauenärztin vernünftig testen konnte und mich quasi auf blauen Dunst ins Krankenhaus schickte.

Zum testen wohlgemerkt.

Ich wurde dort nicht getestet sondern direkt als Entbindende im Krankenhaus aufgenommen.

Auch kann ich mich nicht daran erinnern dass weiteres Fruchtwasser nachkam.

Ich durfte ab da an nur noch liegen, nicht allein auf Klo (dh. Wenn, dann nur mit offener Tür – wie beschämend!), durfte mich auch nur noch im Rollstuhl fortbewegen; weil noch nichts nach Geburt aussah,… bis auf den vermutlichen Riss; es war kein Muttermund geöffnet, keine Gebärmutterhals verkürzt und sein Kopf war noch nicht fest. Mir wurde Angst gemacht das die Nabelschnur sich vor den Kopf legt (Ich erwähne hier noch einmal, dass meine Fruchtblase nicht geplatzt war, dh. Baby hatte zu dem Zeitpunkt genug Fruchtwasser um sich frei zu bewegen).

24 Std Stillstand.

Samstag

Mittlerweile Samstag Nacht: Einleitung nach insgesamt 28 Std. Es tut sich was, ungefähr von 2.oo-5.oo Uhr morgens. Mein Mann kommt ins Krankenhaus, alle sind aufgeregt, die Wehen lassen nach. Zu viel Adrenalin. Zu viel Freude. Zu viel Angst.

Stillstand.

Sonntag früh: keine Wehen.

Nichts.

Garnichts.

Auch an Muttermund, Gebärmutterhals und Köpfchen hat sich nichts verändert.

Nichts.

Sonntag

Weitere 6 Std später gab es die 2. Einleitung ebenfalls vaginal. Dieses mal bekam ich direkt alle 2 Min Wehen.

Sehr, sehr schlimme Wehen.

Unaushaltbare Wehen.

Sie überrumpelten mich. Für eine PDA, die ich hier das erste Mal nehmen wollte, war es zu spät. Man belächelte mich und meinte “Sei doch froh, endlich geht es los!”.

Ich war zu dem Zeitpunkt 2,5 Tage wach.

Der Schleimpfropf ging jetzt wenigstens mal ab; es tat sich tatsächlich was.

Die Presswehen kamen, nachdem ich ca 1 Std Wehen aus der Hölle in verdammt kurzen Abständen hatte.

Der Gebärmutterhals war trotzdem noch 1-2 cm vorhanden.

Der Muttermund war gerade mal 5 cm offen (das ist die Hälfte von dem, was müsste).

Es nützte alles nichts.

Ich hatte Presswehen, und die kann man nicht ignorieren, wir mussten da irgendwie durch. Auch wenn man mir riet nicht zu pressen…

Der Arzt, dem ich meine 3. Entbindung vorher schon schilderte, war echt super.

Wirklich.

Er hielt mich während der gesamten Geburt auf dem laufenden. Er sagte uns was aktuell schief lief, was sie machen (müssen) und nahm Rücksicht auf mich. Allerdings war er auch einer von denen, der mich zu der spontanen Entbindung „ermutigte“.

Und so erfuhren wir unter der Geburt:

Aiden war ein Sterngucker, er lag also falsch rum. Da die Geburt total anstrengend war ( er lag ja immer noch nicht tief genug im Geburtskanal) und gepresst werden musste trotzdem, waren seine Herztöne weg –  was dazu führte dass ihm Blut vom Kopf wegen dem PH Wert abgenommen wurde.

Herztonabfall

Ihm wurde also während der Entbindung Blut aus der Fontanelle entnommen.

Die Angst war zum Glück unbegründet, sicherheitshalber wurde ihm aber eine Elektrode am Kopf befestigt.

Er erlitt trotzdem schon Schmerzen ehe er überhaupt auf dieser Welt war.

Wir kämpften und kämpften.

Hebamme und Arzt waren phantastisch, empathisch und litten mit. Ich merkte, dass sie einsahen die falsche Entscheidung getroffen zu haben, was mich wiederum bestärkte.

Ich nahm alle Kraft und versuchte mein Kind aus mir herauszupressen, denn es gab keinen Weg zurück.

Die Lage war mehr als kritisch.

Sterngucker

Ich spürte wie der Kopf immer wieder zurück glitt, ich fragte immer wieder: Lebt er noch? Ich hatte Panik, dass wir es dieses mal nicht schaffen werden. Ich hatte damals keine Ahnung was ein Sterngucker ist und ob das schlimmer oder besser ist als die Schulterdyskotie. Ich wollte nur, dass mein Baby überlebt, also gab ich alles.

Die Schmerzen waren grauenhaft, es fühlte sich an, als würde mein Steißbein brechen. Seine Sterngucker Lage machte die Endbindung nicht einfacher.

Es nützte nichts, es ging nicht weiter. Ich hörte ein “Ratsch” und ein “Es tut mir Leid”:

Dammschnitt

Nie bin ich gerissen. Nie wurde geschnitten. Dieses mal schon. Es gab keinen Weg drumherum. Es war und ist ok für mich, Hauptsache sie bekommen ihn da raus.

Presswehe um Presswehe und immer noch: Kopf vor, Kopf zurück.

Ich spürte die Nervosität des Arztes, die Angst es nicht zu schaffen, sein schlechtes Gewissen. In dem Moment “sprach” ich mit meinem Baby: “Los komm, wir schaffen das!” und hörte unseren Arzt sagen: “3 min noch, ansonsten machen wir einen Notkaiserschnitt”. Der Wagen inkl. Besteck war schon da, dass sah ich aus dem Augenwinkel. Ich war nicht in einem OP Saal sondern nur in einem Kreißsaal. Ich hatte keine Kanüle mehr im Arm, weil ich die unter der Geburt “verloren” hatte…, ich fragte mich: Wie verdammt noch mal wollen die mich so schnell wegbeamen?

Nein, jetzt auch nicht mehr! Das packen wir.

Der Arzt griff zur Saugglocke, die letzten 3 Minuten verrannten, noch eine Presswehe und noch eine und endlich war er da. Kerngesund mit einem Schrei, völlig erschöpft. Er wurde mir sofort auf die Brust gelegt.

Ich hörte ganze Felsbrocken aller im Raum stehenden Ärzte und Hebammen fallen (es waren wohl wieder so viele, wie bei der Entbindung davor) sowie:

Verdammt noch mal, das nächste mal hören wir auf die Frauen!

Und in mir keimte mit den Jahren immer öfter die Frage auf:

Was wäre gewesen, wenn ich weiterhin auf den Kaiserschnitt -auf mein Bauchgefühl- bestanden hätte?

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Wer über jeden Schritt lange nachdenkt,

der steht sein Leben lang auf einem Bein.

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